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Author: simoné

Konzept

  1. Vorstellung des Vorhabens

In verschiedenen Bereichen des Lebens gibt es sogenannte Gatekeeper, die darüber entscheiden, wer Zugang zu diesen Bereichen erhält.[1] Insbesondere Personen, die verschiedene Minderheitenpositionen in der Mehrheitsgesellschaft einnehmen, zum Beispiel aufgrund von Klasse, Alter, „ethnischer“ Zugehörigkeit, sexueller Orientierung, physischer und psychischer „Gesundheit“, Gender oder Gender-Identität, wird in vielen Bereichen der Zugang verwehrt.

Das Projekt Softness Paradox ist ein multimediales, literarisches Onlineprojekt. Es setzt sich mit diesen Gatekeeping-Funktionen im Kunstliterarischem Bereich kritisch auseinander, indem es eine inklusive kunstliterarische Plattform anstrebt, auf der insbesondere Menschen aus Minderheitenpositionen geholfen werden soll, gesellschaftlich-systematisches Gatekeeping in der Domäne des literarischen Schaffens gezielt zu überwinden. Dabei ist das Vorgehen intersektional.

Der Name Softness Paradox nimmt Bezug auf die Kategorisierung verschiedener Eigenschaften, mit denen Mitglieder diskriminierter Gruppen oftmals konfrontiert werden. So werden feminine Eigenschaften, die als weiblich präsentierenden Personen, homosexuellen Männern*[2] und Männern* ostasiatischer Kulturen zugeschrieben werden, als weich – das heißt also als soft –  gelesen. Soft sein heißt demzufolge, feminine Eigenschaften zu besitzen. Gleichzeitig wird dem, was als hart wahrgenommen wird, eine feindliche, bedrohliche Dimension zugewiesen (so zum Beispiel die Hypermaskulinisierung und Hypersexualisierung von Schwarzen Männern* (siehe hooks[3] 2004)). Des Weiteren wird dem, was soft sein soll, aber als zu hart erscheint, der Stellenwert in der Gesellschaft abgesprochen (so zum Beispiel in der maskulinisierten Wahrnehmung lesbischer Frauen*, der aggressiven Wahrnehmung von Feminist*Innen (vgl. She’s Beautiful When She’s Angry (Film, 2014)) und in Passing-Diskursen um Trans*Frauen). Alle diese Diskurse haben gemeinsam, dass sie als ausgrenzend zu verstehen sind, und es nur eine Gruppe gibt, die weder zu soft noch zu hart ist, nämlich eine Version eines weißen Cis-Hetero-Mannes ohne Behinderung, der in dem normierten Sinne zwar nicht existiert, von dem allerdings weiße Cis-Hetero-Männer ohne sichtbare Behinderung profitieren, wenn sie sich durch die Gesellschaft bewegen. Das heißt also, dass ihnen keine Grenzen gesetzt werden und sie nicht demselben Gatekeeping ausgesetzt sind wie Menschen, die nicht in dieses Raster fallen.

Zunächst sollen die Fixpunkte für das Projekt Hamburg und Hildesheim sein; das Langzeitziel ist eine landesweite Vernetzung. Um eine möglichst hohe Zugänglichkeit zu gewährleisten, soll das Projekt online zur Verfügung gestellt und mit geeigneten sozialen Projekten vernetzt werden.

Des Weiteren sollen die auf dem Blog veröffentlichten Beiträge nicht nur als Text, sondern auch als abrufbare Audio- bzw. Videodatei zur Verfügung stehen, um auch Menschen mit Erblindungsgrad bzw. funktionale Analphabeten sind, einen Raum zum Austausch literarischer Texte anzubieten.

2. Aufbau des Projekts.

Das Projekt besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, nämlich

a) einem literarischen Teil in der Form eines literarischen Journals, das sich insbesondere mit dem Thema des Scheiterns in und an der Gesellschaft auseinandersetzen soll.

b) einem handlungsorientierten Teil zur Überwindung des Gatekeeping im Kunstliterarischen Bereich

2.1 Literarischer Teil

Der literarische Teil dieses Projekts besteht aus einem digitalen Buch, das aus mehreren Kapiteln besteht, die jeden Monat auf der Online-Plattform neu veröffentlicht werden sollen. Der angestrebte Stil ist humoristisch, bisweilen auch pikaresk, und bewegt sich im Bereich des magischen Realismus. Die Kapitel haben einen essayistischen und, obgleich hochgradig literarisierten, autofiktionalen Charakter. Die Hauptfiguren dieser Erzählung stolpern durch das Leben in einer Großstadt, die Hamburg sehr ähnlich ist, und kommen mit den Gepflogenheiten und Erwartungen, die an sie gerichtet werden, nicht zurecht. Bereits zu Anfang im ersten Kapitel der Erzählung treffen die Hauptfiguren auf ein Kind, das in der Großstadt verloren gegangen ist. Die Hauptfiguren nehmen sich des Schicksals dieses Kindes an und versuchen, es in die Gesellschaft zu integrieren. Dabei scheitern sie immer weiter an Normen und Vorgaben und verlieren gänzlich den Anschluss an das öffentliche Leben. Das nicht-öffentliche Leben, also das Innenleben der Hauptfiguren, entwickelt sich allerdings durch und mit der Erkenntnis, in einem für sie ungerechten System niemals Anschluss finden zu können, es aber auch nicht zu müssen, zum Positiven.

Für dieses Vorhaben bietet sich mir als nicht-weißer, queerer Frau ein besonderer Blick auf gesellschaftliche Vorgänge, Abläufe und damit einher gehenden Absurditäten. Da meine Position aber selbstverständlich nicht den Anspruch erhebt, alle Positionen abzudecken, soll im besten Fall ein Dialog mit anders positionieren Menschen entstehen. Zusätzlich zu dem eigenen literarischen Output soll es deswegen einen Bereich für Leser*Innen geben, um mit den Texten in einen unmittelbaren Dialog zu treten. Dies kann in der Form von Kommentaren geschehen, aber auch als Perspektivenwechsel innerhalb einzelner Kapitel, indem Schreibende zum Beispiel neue Perspektiven der eingeführten Personen in den jeweiligen Kapiteln aufnehmen und beleuchten. Im Idealfall soll so eine interaktive Geschichte entstehen, deren Handlung von den Kommentaren und ergänzenden Kapiteln geprägt wird, also nicht festgesetzt ist, sondern sich anpasst.

Formal wird die Geschichte aus insgesamt zehn „Hauptkapiteln“ bestehen, die jeweils 10-15 Seiten haben sollen und von denen das erste diesem Exposé beiliegt. Die Kapitel sind jeweils aus der Ich-Perspektive geschrieben, homodiegetisch und intradiegetisch, wobei sich diese Perspektive zwischen den beiden Hauptfiguren abwechselt. Aufgrund der dynamischen Herangehensweise an die Textproduktion ist eine Übersicht der einzelnen Kapitel zum jetzigen Zeitpunkt nur provisorisch möglich, und so ist die folgende Zusammenfassung der ersten drei Kapitel als vorläufig zu verstehen:

  1. Die Hauptfigur, vorläufig Lea genannt, trifft sich in der Stadt mit ihrem Kumpel Joe, um mit ihm auf die Feier ihres gemeinsamen Freundes Harry zu fahren. In einem Bus treffen sie auf ein Kind, dass sich verlaufen zu haben scheint, und sich ihnen als Chebu vorstellt. Während Joe weiterfährt, bleibt Lea mit Chebu zurück und versucht auszuloten, wie sie mit dem Kind, das keinen Nachnamen zu haben scheint und nicht mehr weiß, wo es genau zu Hause ist, umgehen soll. Nach einiger Zeit beschließt Lea, Chebu vorläufig mit zu sich zu nehmen und auf Harrys Party zu fahren.
  2. Lea und Chebu gehen auf Harrys Party. Hier treffen sie erneut auf Joe, der gerade zum ersten Mal eine Mikrodosis LSD genommen hat und wilde Bilder vor seinem inneren Auge sieht, die er versucht loszuwerden, indem er auf das Dach von Harrys Wohnung steigt um dort die Zinnen zu zählen. Chebu begleitet ihn und die beiden lernen sich genauer kennen.
  3. Lea ist währenddessen unten geblieben und sucht Harry. Harry bleibt unauffindbar, aber sie findet sich in einem Gespräch mit Freunden über die Zukunft wieder. Chebu, die wieder vom Dach heruntergeklettert ist, erzählt für Lea und die anwesenden Partygäste eine Geschichte von einem fremden Planeten.

In den weiteren Kapiteln ist wie bereits erwähnt geplant, dass sowohl Lea als auch Joe im Umgang mit Chebu lernen, ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu akzeptieren und sich mit dem Scheitern an der Gesellschaft abfinden. Eine wichtige Herausforderung ist dabei, dass die Figur Chebu nicht zu sehr in eine Magical Other-Dimension abgleitet (vgl. Glenn & Cunningham 2009), und dass auch in der Interaktivität mit Leser*Innen und Mit-Autor*Innen ein roter Faden was die Charakterisierung der Hauptfiguren und die Atmosphäre der Stadt betrifft erhalten bleibt.

Geplant ist zunächst eine Publikation von Kapiteln im Zweimonatsrhythmus.

2.1 Handlungsorientierter Teil

Der Handlungsorientierte Teil des Projekts ist an Menschen gerichtet, die ein kostengünstiges (oder, je nach sozialer Lage, unentgeltliches) Lektorieren ihres literarischen und journalistischen Outputs benötigen. Zudem sollen außerdem je nach Machbarkeit durch Crowd-Funding finanzierte, eigene Wettbewerbe zum Zwecke einmaliger Förderungen stattfinden. Außerdem ist geplant, eine Informationsplattform zu erstellen, die verschiedene Möglichkeiten zur Förderung und Publikationsmöglichkeiten in den Bereichen Literatur und Journalismus sammelt und gezielt verständlich (und mehrsprachig) für ein möglichst breites Publikum erklärt und bewirbt.

2.3 Wissenschaftliche Beobachtung

In dem Dialog mit anderen Person sollen sich Zugänge von und mit dem Text eröffnen, die im Schreibprozess sonst nicht kontinuierlich möglich wären, da das Schreiben ein zum Großteil individualisierter Prozess ist. Durch die ständige Interaktion mit den jeweiligen Kapiteln und das Anpassen des produzierten Textes an Kommentare und Kritik ergibt sich die Frage, zu welchem Grad eine solche Herangehensweise die gewählte Stilart einer Erzählung verändert, und ob durch ein solches Vorgehen ein Text „besser“ wird, oder die Position des Autors (bzw. der Autor*Innen) bzw. die Aussagekraft des literarischen Outputs so sehr schwindet, dass die Erzählstruktur sich auflöst. Meine Überzeugung ist, dass eine Auseinandersetzung und ein Mitschreiben von und mit Leser*Innen unterschiedlicher Hintergründe sich positiv auf die Bandbreite meiner Ausdrucksweise auswirken werden, und dass durch die Interaktivität eine Erzählstruktur mit einer besonderen, sonst nicht zu erreichenden Aussagekraft entstehen kann.

Des Weiteren glaube ich, dass sich durch das Mitschreiben und füreinander schreiben eine Auseinandersetzung und Hineinversetzen in verschiedene Innen- und Außenansichten ergibt, die eine Beleuchtung dessen, was wir gesamtgesellschaftlich als soft und hart wahrnehmen, ermöglicht. Dadurch erhoffe ich mir eine organische Auseinandersetzung mit diesen stereotypen Wahrnehmungen durch den interaktiv entstehenden Text. Ebendiese Auseinandersetzung kann letzten Endes zu einem Aufbruch ebendieser Stereotypen führen und somit ein Gatekeeping für Menschen, die als zu hart oder zu soft gelesen werden, kritisch hinterfragen.


[1] Der Begriff des Gatekeepers kommt aus der Journalistik und Kommunikationstheorie und wurde erstmals 1950 von David Manning White so eingeführt, wie er jetzt gebräuchlich ist, vgl. White 1950. Dabei stützt sich White auf die ursprüngliche Theorie Lewins (1947).

[2] Der Zusatz des Asterisks soll hier eine Transinklusivität signalisieren, auch wenn die Verwendung dieses Zusatzes im Gender- und Trans*-Diskurs umstritten ist.

[3] Die Philosophin und Kulturwissenschaftlerin belle hooks bevorzugt die Kleinschreibung ihres Namens.